Milieutherapie für Menschen mit Demenz

 
1-Milieutherapie als Rahmenkonzept


Unter Milieutherapie wird bewusstes therapeutisches Handeln zur Anpassung der
materiellen und sozialen Umwelt an die krankheitsbedingten Veränderungen der

Wahrnehmung, des Empfindens, des Erlebens und der Kompetenzen der beeinträchtigten Personen verstanden. ( Jens Bruder 1997)
Kurz gesagt: Milieu ist immer, wie auch
Beziehung. Im Zentrum des milieutherapeutischen
Arbeitens steht der Mensch, dem ein Sozialmilieu
so geschaffen wird, dass er mit sich und der Welt
bestmöglich im Einklang stehen kann.


Geschichte der Milieutherapie


Der französiche Arzt Pinél hat 1772 die Kranken
der Salpetriére von ihren Ketten befreit und dabei
erfahren, dass dieser zunächst moralische Akt,
positive, therapeutische Wirkung zeigte.
Zwangsmaßnahmen und Isolierung der
Geisteskranken wurde von der Milieutherapie als
humane, therapeutische Intervention abgelöst und
fand Anfang des 19. Jahrhunderts Einzug in
Psychiatrien der USA und Europas. In den 70er
Jahren des letzten Jahrhunderts gewann vor
allem durch die Sozialpsychiatrie die
Milieutherapie wieder an Beachtung.



Synonyme: Soziotherapie, Milieugestaltung. Therapeutisches Milieu


Menschenbild

Räumlichkeit (sozial und physikalisch) ist eine
Wesensbestimmung des menschlichen Daseins, und
der Raum ist kein vom Subjekt abgelöster
Gegenstand. (Schmidt-Scherzer, 1998)
Ohne Raumbezug ist Leben nicht möglich. Dieser Lebensraum bestimmt maßgeblich unsere
Lebensqualität



Demenz führt zu einer zunehmenden
Verminderung von situativer Belastbarkeit; den
Anforderungen der Umwelt kann immer weniger
entsprochen werden.


Demenz führt als Folge davon zum Rückzug auf Vertrautes

(erprobte, erfolgreiche Verhaltensweisen). Im günstigsten Fall
bleiben sie für die Umwelt unauffällig, nicht störend.

Demenz kann aber auch störendes/herausforderndes Verhalten
und schwierige Gefühlszustände zur Folge haben (Unruhe,
Aggression, Apathie, Depression Trugwahrnehmungen …) wie wir
dies bei 90 % der Schwerstdementen leider kennen.


Mit Fortschreiten der Demenz sind diese Menschen zunehmend auf
eine Umwelt angewiesen, die sich auf sie als Individuum einstellt – sie
können sich bedingt durch die Krankheit nicht mehr der Umwelt
anpassen.

Berücksichtigung der Individualität (Kenntnis der Lebensgeschichte)
Kennenlernen und Erfahren von Ressourcen und Defiziten in der Alltagsbegleitung
Kennenlernen der individuellen Belastungsgrenzen und der Reaktion auf Überforderung
Einfühlen in die emotionale Botschaft der verbalen und nonverbalen Kommunikation
und des Verhaltens (Validation)


Begleitung durch den Alltag und Einrichtung eines Schutzraumes für das Selbsterleben
(biografische Handlungen ausführen lassen)
Echtheit und Verlässlichkeit der BetreuerInnen (Bezugspflege)
Rückzug und Inaktivität zulassen
Herstellen und Bewahren von Vertrautheit (Ritualisieren des Alltags)


Das Außenmilieu und die Innere
Erlebenswelt der Menschen mit Demenz
Die Institution ist geprägt durch: Konzept (Menschenbild, Leitlinien)
Zahl der Mitarbeiter, Berufsgruppen
Arbeitsabläufe
Architektur, Atmosphäre, Tagesstrukturen
Menschen mit Demenz sind umgeben von
Erinnerungen, Gefühle, Rhythmen,
Rituale, Gewohnheiten, Bedürfnisse,
Antriebe, Sinneserleben, Selbsterleben


Dimensionen der Milieugestaltung
Eine dementengerechte Lebenskultur gestalten

Beziehung
Räumliches Milieu
Alltag, Tagesstruktur,
Beschäftigungsmöglichkeiten
Greifbare Lebensumwelt, Atmosphäre

Konkrete Milieuideen : Angepasste Helligkeit 500 Lux, Warme Farben, Blickfänger in Grundfarben, keine irritierenden Musterungen, vertraute Symbole, überschaubare Räumlichkeiten, Bewegungsfreiheit, 
eigene Möbel und wichtige Gegenstände, fotografisches Umziehen des
Lieblingsplatzes bei einer Heimaufnahme, Erinnerungsalben, -kisten, vertraute Kleidung, Möglichkeit der Selbstbeschäftigung (Zugänglichkeit von Regalen mit Materialkisten), Atmosphäre der Vertrautheit, des Zuhauseseins, in jeder Schicht zuständige Bezugspersonen,

Beispiele theoretischer Orientierungen in der Milieugestaltung


-Personenzentrierte Betreuung bei Menschen mit
Demenz
-Säulen der Identität nach Petzold
-Bedürfnisspyramide nach Maslow
-Pflegeplanungs-/ konzeptionelles Modell der
Pflege von Monika Krohwinkel nach AEDLs


Abkürzung für Aktivitäten und existenzielle
Erfahrungen des Lebens.




Fünf psychische Bedürfnisse, die allen Menschen
gemeinsam snd:


.Nach Tom Kidwood und Bredin (1992a, S. 281-282, Towards A Theory Of Dementia Care:
Personhood And Well-Being)
.Bedürfnis nach Bindung
.Wohlbefinden
.Identität
.Beschäftigung
.Einbeziehung in eine Gruppe


Ein gut strukturiertes Milieu zeichnet sich durch
Stetigkeit, Konstanz und Stabilität aus, und bleibt
dabei flexibel.
Eine gelungene Milieutherapie kann sich selbst
kompensieren.


Ziel dabei ist eine ganzheitlich, lebensgeschichtsnahe, ressourcenorientierte Planung der Betreuung,
Versorgung und Pflege für jeden einzelnen Menschen mit Demenz, dessen subjektives
Wohlbefinden Indikator für die Richtigkeit des therapeutischen Handelns sein sollte.